Bücher von Christa Wolf

Schriftstellerin unter dem Geteilten Himmel (1961-1971)

Moskauer Novelle (1961)

Ich weiß, daß es dem Verkauf eines Buches günstig ist, wenn sein Autor es mit ruhigem Gewissen eine Liebesgeschichte nennen kann. Ich scheue mich, das zu tun. Zwar wird hier die Geschichte der Liebe zwischen der Deutschen Vera und dem Russen Pawel erzählt, die 1945 getrennt werden und fast fünfzehn Jahre später wieder in Moskau aufeinandertreffen. Es scheint, sie können jetzt nachholen, was sie damals, der Ungunst der Zeiten wegen, versäumen mußten. Aber das Leben ist weitergegangen; nicht nur die äußeren Umstände haben sich verändert – sie selbst sind nicht mehr die gleichen. Noch einmal steht vor ihnen die Frage, wie sie weiterleben wollen, und diesmal müssen sie sie auf neue Art beantworten.

Das war es, was mich an dieser Geschichte am meisten gereizt hat, die übrigens in ihrem äußeren Ablauf nicht so unwahrscheinlich ist, wie sie manchem vorkommen wird. Denn so intim die Liebe zwischen zwei Menschen sein mag und bleiben soll – auch sie wird sich auf die Dauer nicht dem Zwang entziehen können, den unsere Zeit allen unseren Gefühlen auferlegt: menschlicher zu werden.

Ich schrieb sie nach meinem zweiten Aufenthalt in Moskau; die Motive dazu hatten mich seit langem beschäftigt und waren durch neue Erlebnisse und Erfahrungen, vor allem durch den Wunsch, sich zu verdoppeln, hier und dort sein zu können, aktiviert worden. Ich versuchte, einen Teil der Nachkriegsproblematik unserer beiden Völker in der konfliktreichen Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einem Russen, einem ehemaligen Frontoffizier, zu erfassen – zwei Menschen, die sich eineinhalb Jahrzehnte nach ihrer ersten Begegnung unter neuen Aspekten wiedertreffen und noch einmal entscheiden müssen, wie sie weiterleben wollen. (1965)

Quelle: Christa Wolf. Einiges über meine Arbeit als Schriftsteller. In: Die Dimension des Autors. Bd. I, Berlin: Aufbau 1986, S. 10

Der geteilte Himmel (1963)

Denken, Grübeln, Fiebern. Tage und Nächte hindurch! Was ist Liebe? Glück? Soll der Himmel denn immer geteilt sein? Rita Seidel, die im Krankenhaus liegt, grübelt. Zwei Jahre sind vergangen, seit sie dem Chemiker Manfred Herrfurth in die Stadt folgte, um an seiner Seite und mit ihm gemeinsam ein glückliches Leben zu beginnen. Während sie sich auf das Lehrerstudium vorbereitete, promovierte Manfred. Unter der Einwirkung neuer Lebenskreise gewinnt Rita Selbständigkeit. Manfred jedoch verliert sich in sein Glück und einen damit eigenartig konstrastierenden Skeptizismus. Schließlich verläßt er seinen Wirkungskreis, im festen Glauben, daß ihm Rita folgen wird. Sie tut es nicht. Diese Entscheidung wirft sie in eine tiefe Krise. Rita betrachtet jede Station ihrer Liebe, jeden Schritt auf dem Wege zum Glück im grellen Lichte ihrer niederschmetternden Erfahrung und doch bejaht sie mit der getroffenen Entscheidung nicht nur das Glück vergangener Stunden, sondern auch die schmerzliche Gewißheit einer Trennung für immer.

Quelle: Ankum von, Katharina: Die Rezeption von Christa Wolf in Ost und West. Von „Moskauer Novelle“ bis „Selbstversuch“. Amsterdam: Rodopi 1992, S. 63.

Die Konzeption der Geschichte hat sich im Laufe der Arbeit mehrmals erweitert und verändert. Mich hatten Beobachtungen in Brigaden sehr gefesselt, gleichzeitig Beobachtungen an jüngeren Leuten vom Typ des Manfred Herrfurth, dazu die große Problematik unseres geteilten Landes. Allmählich erst wurde aus all diesen Elementen eine Liebesgeschichte, die gleichzeitig die Geschichte einer Trennung ist. Der Leser muß urteilen, ob die Möglichkeiten ihrer Konzeption wirklich genutzt wurden; ob es mir gelang, etwas über unsere Zeit zu sagen, über unsere Art, das Leben zu sehen, über Menschen, die uns begegnen, die uns weiterbringen oder zurückwerfen.

Quelle: … mit der Jugend zu rechnen als mit einem Aktivposten. Gespräch mit Christa Wolf. In: forum. Zeitung der Studenten und der jungen Intelligenz. Berlin, Nr. 51-52,1962; s.: Christa Wolf.Ein Arbeitsbuch. Aufbau 1989, S. 7.

Ich las, weil ich es zu Korrekturzwecken leider mußte, in der letzten Woche nochmal den „Geteilten Himmel“, dabei kam mir an manchen Stellen das große Heulen über die unschuldsvolle Gläubigkeit, die mir damals, vor zehn Jahren, noch zur Verfügung stand.

Quelle: Christa Wolf an Brigitte Reimann. In: Drescher, A. (Hg.): Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen 1964-1973. Aufbau 1993, S. 114.

Nachdenken über Christa T. (1968)

Ein Mensch, unheilbar krank, stirbt: Christa T., Mitte der Dreißig, Mutter dreier Kinder, Neulehrerin einst und später Studentin der Germanistik, die Freundin.
„Christa T. hat gelebt.“ Aber nicht der Tod und tatsächliches Leben der Christa T., die sich allmählich zu erkennen gibt aus Erinnerung, Mutmaßung, Zitat und nachträglicher Erfahrung, sind eigentlicher Gegenstand der Erzählung, sondern die Auseinandersetzung mit diesen Gedanken, der Prozeß ihrer Bewältigung.

„Was ist das: dieses Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?“ – Lebensstationen und individuelle Lebenserfahrung dieser unbeispielhaften Christa T. in unserer Zeit, in unserem Land, ihr „nicht enden wollender Weg zu sich selbst“, sind Anlaß zu gründlicher Besinnung und behutsamer, selbstklärender Ordnung. Der Reichtum, der jedem einzelnen zu erschließen möglich ist, und die Größe und Nützlichkeit, die ihm erreichbar sind, seine Beziehung zur Erfahrung unserer Gesellschaft – indem sie offenbar werden, wird der Leser unwiderruflich einbezogen in die Auseinandersetzung, öffnet sich ihm der Reichtum einer Autorenpersönlichkeit

„… da ist kein Stoff gewesen, der mich zum Abschildern reizte, da ist kein „Gebiet unseres Lebens“, das ich als Milieu nennen könnte, kein „Inhalt“, keine „Fabel“, die sich in wenigen Sätzen angeben ließen. Zu einem ganz subjektiven Antrieb muß ich mich bekennen: Ein Mensch, der mir nahe war, starb, zu früh. Ich wehre mich gegen diesen Tod. Ich suche nach einem Mittel, mich wirksam wehren zu können. Ich schreibe suchend. Es ergibt sich, daß ich dieses Suchen festhalten muß, so ehrlich wie möglich, so genau wie möglich …

… Als ich schon bei der Arbeit war, als das Material, die Fakten mir geläufig, wieder fremd geworden waren, sah ich allmählich, wenn nicht eine Idee, doch so etwas wie ein Motto. Ich fand es bei Becher formuliert und werde es meiner Arbeit voranstellen: „Denn diese tiefe Unruhe der menschlichen Seele ist nichts anderes als das Witterungsvermögen dafür und die Ahnung dessen, daß der Mensch noch nicht zu sich selber gekommen ist. Was ist das: dieses Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?“
Es ist ein großer Gedanke, daß der Mensch nicht zur Ruhe kommt, ehe er zu sich selbst gefunden hat. Die tiefe Wurzel der Übereinstimmung zwischen echter Literatur und der sozialistischen Gesellschaft sehe ich eben darin: Beide haben das Ziel, dem Menschen zu seiner Selbstverwirklichung zu verhelfen…“
Christa Wolf, aus einem Selbstinterview

„Da gibt es keinen Zweifel: Dies ist eines der wichtigsten Bücher aus der DDR seit langem. Es stellt die Wahrheitsfrage – und ein Gesellschaftssystem auf die Probe. Wer die Berechtigung der Frage kennt, wird sich, zumal als Leser in der Bundesrepublik, hüten, dieses Buch mit dem Händereiben der Schadenfreude zu lesen.“ FAZ

Nachdenken über Christa T. begründete den Weltruhm Christa Wolfs und gehört zu den wichtigsten Werken der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Mit nur 36 Jahren stirbt Christa T. an Leukämie. Ihre ehemalige Schulkameradin und Studienfreundin erinnert sich an sie: an eine Frau, die der Forderung nach Anpassung ihre Phantasie, ihr Gewissen und vor allem ihre Sehnsucht nach Selbstverwirklichung entgegensetzt.

Kindheitsmuster und essayistische Reflexionen (1972-1980)

Till Eulenspiegel. Erzählung für den Film (1973)

Till Eulenspiegel, seine Wahrheit und sein Lachen – Christa und Gerhard Wolf sehen diese unsterbliche Volksfigur auf eigene und doch so ganz vertraute Weise.

Till Eulenspiegel ist ein schlagfertiger, aufgeweckter Bauernjunge, der von seinem kleinen Anwesen vertrieben wird. Als Fahrender muß er nun, am Vorabend des Bauernkrieges, durch die bunte Welt des Mittelalters ziehen. Oft verdankt er seinem Witz das Leben. Selbst aus bitteren Erfahrungen gewinnt er listige und derbe, schockierende und kluge Späße. Beim Junker, beim großen Kaufmann und kleinen Zunftmeister hält Till Eulenspiegel sich auf; er lebt beim Kaiser und kennt den Bischof und ist zu Hause doch nur beim Volk. Till Eulenspiegel hat es gelernt, die „List der Schwachen“ in die „Kunst des Narren“ zu verwandeln. Er ist ein weiser Narr, der die Welt durchschaubarer macht, weil er sie menschlicher haben will.

Christa und Gerhard Wolf haben den Till Eulenspiegel-Stoff im Auftrag der DEFA für den Film bearbeitet. Aus dem Entwurf, der nicht realisiert wurde, entstand die vorliegende „Erzählung für den Film“. „Die Geschichte aus der Sicht der Unteren zu überprüfen, das Heilige als Funktion der Macht zu erweisen, das ist die Absicht und Wirkung dieses neu erzählten Till Eulenspiegel“, schreibt Wilfried E. Schoeller in der der „Frankfurter Rundschau“. „Er wurde von Christa und Gerhard Wolf um zwei Jahrhunderte ‚versetzt‘, ist in dieser Erzählung ein Zeitgenosse Luthers und Karls V. Till Eulenspiegel, ‚eine Wut in sich, die er nicht los wird‘, ist ein Dialektiker mit positivistischem Ehrgeiz: Macht und Besitz nicht verändernd, da ihm und den anderen seiner Klasse (noch) die Mittel dazu fehlen, aber die Wahrnehmung der Lage durch seinen erhellenden Witz auf andere übertragend. Christa und Gerhard Wolfs Erzählung entpuppt sich als ein Glücksfall an szenischer Anschaulichkeit, intelligenter Verfügung über den Stoff und das Metier. Diese Erzählung spiegelt sich gewissermaßen über die Form des Drehbuchs hinweg, verhält sich geradezu ironisch zu ihrem Zweck als Filmvorlage. Geplant scheint diese Prosa von vornherein und listigerweise als ein ‚gedachter‘ Film.“

Christa Wolf - Reflektion
Als Stoff [für ein Filmszenarium] habe ich das deutsche Volksbuch vom „Till Eulenspiegel“ gewählt, konzipiere die Figur aus dem vorhandenen Material neu und stelle sie in die historisch sehr interessante Epoche, die Zeit vor dem Großen Deutschen Bauernkrieg zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Damals hatte eine soziale Bewegung in Deutschland zum letzten Mal für Jahrhunderte Aussicht, das ganze vermoderte gesellschaftliche Gefüge zum Einsturz zu bringen. Die Niederlage dieser Bewegung hat unsere Geschichte für lange Zeit bestimmt, aber dieser Eulenspiegel soll an ihren hoffnungsvollen Anfängen mitwirken. (606 Z) Er ist eine plebejische Figur, ein Mann aus der Tiefe des Volkes, vielleicht darum von der bürgerlichen Literatur nicht so intensiv beachtet wie andere Gestalten aus Volksbüchern. (1970) (786 Z)

Quelle: Christa Wolf. Gegenwart und Zukunft. In: Die Dimension des Autors. Bd. I, Berlin: Aufbau 1986, S. 38f.

Unter den Linden (1974)

Diese drei unwahrscheinlichen Geschichten [Unter den Linden; Neue Lebensansichten eines Katers; Selbstversuch] sind aus den Jahren 1969 bis 1972 … Nicht zufällig haben zwei von ihnen stark satirische Elemente, auch gewisse provozierende Thesen werden aufgestellt, und ich hoffe, die „Unwahrscheinlichkeit“ dieser Geschichten, ihre Verlegung in Traum, Utopie, Groteske kann einen Verfremdungseffekt in bezug auf Vorgänge, Zustände und Denkweisen erzeugen, an die wir uns schon zu sehr gewöhnt haben, als daß sie uns noch auffallen und stören würden. Sie sollten uns aber stören – wiederum in der Zuversicht gesagt, daß wir ändern können, was uns stört.

Quelle: Christa Wolf. Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann. In: Die Dimension des Autors. Bd. I, Berlin: Aufbau 1986, S. 345f.

Kindheitsmuster (1976)

Kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen – auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst. Es ist ein großes Thema, den Reifeprozeß dieser meiner Generation zu verfolgen, auch die Gründe zu suchen, wenn er ins Stocken kam. Für diejenigen, die in der Zeit des Faschismus aufwuchsen, kann es kein Datum geben, von dem ab sie ihn als „bewältigt „erklären“ können. Die Literatur hat dem Vorgang nachzugehen, was heißen kann: ihm voranzugehen, ihn vielleicht mit auszulösen. Eine immer tiefere, dabei auch immer persönlichere Verarbeitung dieser im Sinn des Wortes ungeheuren Zeit-Erscheinung.

Übrigens fällt das sehr schwer, und gerade dieser Widerstand deutet darauf hin, wie radioaktiv dieser Stoff immer noch ist. Haben wir uns nicht vielleicht deshalb angewöhnt, den Faschismus als ein „Phänomen“ zu beschreiben, das
außerhalb von uns existiert hat und aus der Welt war, nachdem man seine Machtzentren und Organisationsformen zerschlagen hatte? Haben wir uns nicht eine Zeitlang Mühe gegeben, ihn als Vergangenheit an die „anderen“ zu delegieren, um uns selbst allein auf die Tradition der Antifaschisten und Widerstandskämpfer zu berufen? Dabei hören wir immer häufiger von jungen Menschen, sie verstünden „trotz allem“ nicht, wie Leute wie wir, ihre Eltern, in dieser Zeit leben und vielleicht nicht einmal vom Gefühl eines andauernden Unglücks niedergedrückt sein konnten, und: wie wir danach weiterleben konnten. „Trotz allem“ – das heißt: trotz aller Bücher, die sie darüber lesen, trotz aller Filme, die sie gesehen ahben, trotz aller Belehrung im Geschichtsunterricht über die Voraussetzungen für die Machtergreifung eines Hitler. Aber sie haben ein Recht, das zu verstehen, und wir haben die Pflicht, ihnen etwas darüber zu sagen – soweit wir können.
Quelle: Christa Wolf: Auskünfte. Werkstattgespräche mit DDR-Autoren. S.

Wie sind wir so geworden, wie wir sind? Die Frage nach den Verhaltensmustern, die sich in der Kindheit eingeprägt haben, nach ihrer Dauer und Veränderbarkeit, liegen diesem großen Buch von Christa Wolf zugrunde.
„Nachdenken, ihr nach-denken“, hatte der erste Satz ihres „Christa T.-Romans gelautet. Hier, in „Kindheitsmuster“, denkt die Erzählerin der eigenen Person nach, ihrer Kindheit in den dreißiger Jahren in der Stadt L. an der Warthe, dem heute polnischen G. Mit ihrem Mann, ihrem Bruder Lutz und ihrer Tochter Lenka reist sie an einem glutheißen Julitag an diesen Kindheitsort zurück. Sie sieht den Lebensmittelladen wieder, der einst ihren Eltern gehört hat, das Haus, in dem sie aufwuchs, Plätze und Straßen, über die sie damals gegangen ist. Die Erinnerung beginnt zu strömen, gibt Gesichter frei, Worte, Zusammenhänge; Vergessenes und Verdrängtes. Szenen aus deutschen Familien- und Schulzimmern zur Zeit des Faschismus – die Erzählerin rekonstruiert sie akribisch, unter dem Zwang, der eigenen Tochter „das schauerliche Geheimnis der Menschen dieses Jahrhunderts“ erklären zu müssen: „wie man zugleich anwesend und nicht dabei gewesen sein kann“.
Der Alltag des Faschismus, die Wonnen der Gewöhnlichkeit als Kehrseite dieser „ungeheueren Zeit-Erscheinung“ sind noch nirgendwo genauer beschrieben worden als hier. Nach-denkend, schreibend will die Erzählerin zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit vermitteln, „mit der Freiheit zu diesem großen und schweren Stoff, die erst der Zeitabstand eines Vierteljahrhunderts gibt“. Wie war es möglich, wie war es wirklich und was ist davon in uns geblieben?
„Kindheitsmuster“ wurde mit dem Bremer Literaturpreis 1977 ausgezeichnet.  Die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb beim Erscheinen des Buches: „Wir wüßten den deutschsprachigen Schriftsteller nicht zu nennen, den wir gleich ernst nähmen wie Christa Wolf.“

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Klappentext Suhrkamp 2007

Wie versetzt man sich in die eigene Kindheit zurück, wie stellt man die eigene Lebensgeschichte dar? In Kindheitsmuster entwickelt Christa Wolf eine neue Art des autobiographischen Schreibens. Sie erzählt von Nelly Jordan, die in den Jahren zwischen 1933 und 1947 heranwächst und Krieg und Flucht erlebt, aber auch von der erwachsenen Frau, die Jahrzehnte später an einem heißen Sommertag ihre nun polnische Heimatstadt besucht und sich an das Kind erinnert, das sie einmal war.

Ich habe zu diesem Manuskript länger als ein Jahr gebraucht, um überhaupt einen Anfang zu haben. … Und wenn man anfängt, dann schreibt man, zum Beispiel, linear. … Es war eine Linie, aber kein Raum. Und erst nach und nach … habe ich herausgefunden, daß ich zum Beispiel mit hineinnehmen mußte, wie das Manuskript entstand… Oder Überlegungen über das Gedächtnis: Wie erinnert man sich eigentlich, woran erinnert man sich, warum an manches ja, an manches nicht. Es wurde dann eine der Aufgaben, die ich mir stellte, das Erinnern mitzudiskutieren. Und so kam es nach und nach – drei, vier solcher „Ebenen“: auch die Fahrt nach Polen, …, weil es mir wichtig war, zu zeigen, wie es ist, wenn man heute in eine Stadt kommt, die jetzt polnisch ist, die aber die Heimatstadt ist. Das ist ein Erlebnis, das sehr viele Menschen bei uns haben und das noch kaum artikuliert wurde … Heimweh spielt eine Rolle. Dadurch erst, durch die verschiedenen Ebenen, die sich zusammentaten, merkte ich, es kann ein Gegenwartsbuch werden.

Das ist der Grund für die Struktur des Buches.

Quelle: Christa Wolf. Erfahrungsmuster. Diskussion zu „Kindheitsmuster“. In:Dimension des Autors. II. Berlin: Aufbau 1986, S. 353f. 1975 (1060 Z)

d Consonantia, there live the blind texts. Separated they live in Bookmarksgrove right at the coast

Kein Ort. Nirgends (1979)

„Kein Ort. Nirgends“ hab ich 1977 geschrieben. Das war in einer Zeit, da ich mich selbst veranlaßt sah, die Voraussetzungen von Scheitern zu untersuchen, den Zusammenhang von gesellschaftlicher Verzweiflung und Scheitern in der Literatur. Ich hab damals stark mit dem Gefühl gelebt, mit dem Rücken an der Wand zu stehn und keinen richtigen Schritt tun zu können. Ich mußte über eine gewisse Zeit hinwegkommen, in der es absolut keine Wirkungsmöglichkeiten mehr zu geben schien. …

Daraus ist bei mir … die Beschäftigung mit dem Material solcher Lebensläufe wie denen von Günderrode und Kleist entstanden …. Ich habe diese beiden Figuren genommen, um ihre Problematik für mich durchzuspielen. Ich hab es historisch sehr genau gemacht, weil … ich die beiden historischen Figuren nicht beschädigen wollte. Die Briefe von Kleist und die Aufzeichnungen der Günderrode geben soviel Material genau über diesen Punkt: Individuum und Gesellschaft, daß ich keine Figuren „erfinden“ mußte …  1985 (980 Z)

Quelle: Christa Wolf. Projektionsraum Romantik. Ein Gespräch. In: Christa und Gerhard Wolf: Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Berlin: Aufbau, 1985, 376f.

Anverwandlung mythischer Themen (1983-1986)

Kassandra (1983)

Kassandra: Tochter des Königspaares Hekabe und Priamos, begabt mit der Fähigkeit zur Weissagung, doch geschlagen mit dem Fluch, niemand würde ihr glauben. Eine große Gestalt aus dem Mythos um den troianischen Krieg. In vier Vorlesungen beschreibt Christa Wolf, wie diese Figur von ihr Besitz ergreift, wie sie sich ihr nähert, und sie gibt in der Erzählung ihre Vision: Kassandra, als Gefangene vor dem Löwentor von Mykene, erwartet den Tod; doch sie ist gewillt, bis zum letzten Augenblick Zeugin dessen zu sein, was geschieht. Sie erinnert ihr Leben: ihre kindliche Liebe zum Vater und die schmerzvolle Trennung vom Königshaus, ihre Flucht in den Wahnsinn, wenn ihre Wahrheit gegen die des Palastes stieß, das mörderische Geschäft des Krieges, in dem auch sie nur Objekt war, und ihr Erleben der Liebe, ihr Hinfinden zu den Frauen in den Höhlen am Idaberg, die dem Töten ringsum ein volles, tätiges Miteinanderleben entgegensetzen. Ein herausgehobenes Schicksal wird erzählt und doch eines wie viele. Es gehört der Vergangenheit an, ist mit den Details fest verankert in einer frühen Zeit der Menschheitsgeschichte und rückt doch – schwebend zwischen Mythos und Utopie – als Erlebnis unglaublich nahe.

Es war ein spektakuläres Ereignis, als Christa Wolf 1982 an der Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe-Universität ihre Poetik-Vorlesungen hielt. Und die nachfolgende Buchveröffentlichung wurde zu einem Welterfolg: In Kassandra greift Christa Wolf auf einen Mythos des abendländischen Patriarchats zurück, den Trojanischen Krieg. Während Kassandra, die Seherin, auf dem Beutewagen des Agamemnon sitzt, überdenkt sie noch einmal ihr Leben. Mit ihrem Ringen um Autonomie legt sie Zeugnis ab von weiblicher Erfahrung in der Geschichte.

Mit ihrer Erzählung Kassandra und den Frankfurter Poetik-Vorlesungen Voraussetzungen einer Erzählung, in denen das Entstehen von Kassandra begleitet wird, entwirft Christa Wolf ein dichtes Gewebe aus literarischem Text und poetologischer Reflexion. Ihre Darstellung einer mythologischen Figur, die uns als faszinierende Zeitgenossin begegnet, ist längst zum Klassiker und internationalen Bestseller geworden.

Steenhuis: Wie kamen Sie dazu, Kassandra zu schreiben?

Wolf: Das hing mit den Zeitumständen zusammen. Wir hatten Angst vor einem Atomkrieg, vor der Vernichtung unserer Zivilisation. Ich fragte mich: Wo liegen die Wurzeln dieser zerstörerischen Kräfte unserer Zivilisation, die zur Selbstvernichtung führen? Ich ging immer weiter zurück in die Geschichte. Die sinnliche Erfahrung der griechischen Landschaft, als ich die alten Stätten sah, war entscheidend. Da hatte ich den Ort, an dem ich die Erzählung festmachen konnte. Ich suchte nach einer Metapher, dafür, wie eine Frau sich in einer solchen zerstörerischen Gesellschaft verhalten konnte. Kassandra und Troja waren das Modell dafür.

Quelle: Schreiben im Zeitbezug. Gespräch mit Aafke Steenhuis, 11.12.1989. In: Christa Wolf. Reden im Herbst. Aufbau 1990, S. 150f.

Ich habe dieses Land geliebt. Daß es am Ende war, wußte ich, weil es die besten Leute nicht mehr integrieren konnte, weil es Menschenopfer forderte. Ich habe das in „Kassandra beschrieben, die Zensur stocherte in in den „Vorlesungen“ herum; ich wartete gespannt, ob sie es verstehen wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich, daß das Troja untergehen muß. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie.
Quelle: Brief von Christa Wolf an Günter Grass vom 21.3.1993. In: Vinke, Herrmann: Akteneinsicht Christa Wolf. Hamburg 1993, S. 308.

Texte/Reden in der Friedlichen Revolution (1987-1989)

Die Dimension des Autors (1987)

Bd. 1 
„Ich kann nur über etwas schreiben, was mich beunruhigt. Insofern unterscheiden sich bei mir die einander ablösenden (oder einander durchdringenden) prosaistischen und essayistischen Äußerungen nicht grundsätzlich voneinander. Ihre gemeinsame Wurzel ist die Erfahrung, die zu bewältigen ist: Erfahrung mit dem ‚Leben‘ – also der unvermittelten Realität einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Gesellschaft -, mit mir selbst, mit dem Schreiben – das ist ein wichtiger Teil meines Lebens -, mit anderer Literatur und Kunst.“

Bd. 2 
„Diese Sehnsucht, sich zu verdoppeln, sich ausgedrückt zu sehen, mehrere Leben in dieses eine schachteln, auf mehreren Plätzen der Welt gleichzeitig sein zu können – das ist, glaube ich, einer der mächtigsten und am wenigsten beachteten Antriebe zum Schreiben.“

Zu Christa Wolf

Wer an Christa Wolf denkt, dem kommen Essays, Aufsätze und Gespräche ebenso schnell in den Sinn wie Erzählungen und Romane. Ja, es könnte durchaus sein, daß die Essayistin Wolf bereits die Prosaistin verdrängt hat.
So oder so: die immer größer werdende Schar der Christa Wolf-Leser wird dem Aufbau-Verlag dankbar sein für diese handliche und erschwingliche Sammlung von Aufsätzen, Essays, Gesprächen und Reden. Das um so mehr, da in Die Dimension des Autors nur Christa Wolf zu Worte kommt. […] Christa Wolf, da bestehen keine Zweifel, ist ohnehin die beste Interpretin ihrer eigenen Werke.
Entsprechend persönlich, einfach und zwanglos fällt die Gliederung der Texte aus.

Quelle: Alexander Stephan: Rezension. In: The Germanic review. 1989, H 64, S. 96.

Im Fokus öffentlicher Auseinandersetzungen (1990-2002)

Medea. Stimmen (1996)

Ich war selbst überrascht, daß sich mir noch einmal ein mythologischer Stoff aufdrängte, aber so verwunderlich ist es doch nicht. Ich begann 1990/91, mich mit der Medea-Figur auseinanderzusetzen. Es zeigte sich mir in jenen Jahren, daß unsere Kultur, wenn sie in Krisen gerät, immer wieder in die gleichen Verhaltensweisen zurückfällt: Menschen auszugrenzen, sie zu Sündenböcken zu machen. – Feindbilder zu züchten, bis hin zu wahnhafter Realitätsverkennung. Dies ist für mich unser gefährlichster Zug. In der DDR hatte ich ja gesehen, wohin ein Staat gerät, der immer größere Gruppen ausgrenzte, der seine Integrationsfähigkeit immer mehr verlor. Jetzt erleben wir in der größer gewordenen Bundesrepublik Deutschland, wie immer größere Gruppen von Menschen überflüssig werden, aus sozialen, aus ethnischen und anderen Gründen. Diese Ausgrenzung des Fremden zieht sich durch die ganze Geschichte unserer Kultur. Immer schon vorhanden ist die Ausgrenzung des angstmachenden weiblichen Elements. Das zieht sich vom Beginn des Patriarchats durch die Geschichte.

Quelle: Christa Wolf.  Warum Medea? Gespräch mit Petra Kammann am 25.01.1996. In: Hilzinger, Sonja: Werke, 11. Medea. Stimmen. Luchterhand 2001, S. 252f.