Birgit Dahlkes Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung „Da fing ich an zu singen – Hommage an Christa Wolf“

Im Landgut A. Borsig am 7. März 2015

Bericht der Märkischen Allgemeinen Zeitung zur Ausstellungseröffnung (auf dem Foto: Birgit Dahlke)

Bericht der Märkischen Allgemeinen Zeitung zur Ausstellungseröffnung (auf dem Foto: Birgit Dahlke)

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrende, lieber Armin Schubert, sehr geehrte Frau Ministerin, liebe Gäste,

im Namen der Christa Wolf Gesellschaft gratuliere ich allen beteiligten Enthusiasten zum Zustandekommen dieses wunderbaren Beweises dafür, dass das Werk Christa Wolfs lebt.

Es lebt. Und wie!

Wolfs Texte haben Folgen. Vielleicht ist es das eigentlich Besondere an ihrer Literatur: dass es kritische Auseinandersetzung geradezu erzwingt. Ihre Prosa polarisiert: bei den einen löst sie Begeisterung aus, bei den anderen Abwehr. Nie jedoch bleibt sie folgenlos. Vor allem aber – und das ist für mich das eigentlich Inspirierende – löst sie Fragen aus: Wie wollen wir leben? Wie nutzen wir unsere Möglichkeiten? Wie übernehmen wir Verantwortung – Verantwortung nicht nur für dieses eine Leben, sondern auch für unsere Nachbarn, für die „Anderen“, die Schwächeren, die Verfolgten, die in ihrer Selbstverwirklichung Behinderten, für den Flüchtling, für das Gemeinwesen.

Christa Wolf brauchte Mut:

– 1945 auf der Flucht, als sie angesichts des Krieges, gerade einmal 16, schon in die Rolle einer Erwachsenen gezwungen wurde

– 1946, um hungrig und frierend inmitten lungenkranker Kinder und Jugendlicher den noch schwerer Erkrankten zur Seite zu stehen

– Mut, um als eine der ersten in der Familie zu studieren und dieses Studium unter den Bedingungen des Nachkriegs und als Mutter kleiner Kinder! – 1953 auch abzuschließen

– Mut, um als junge Frau und „Studierte“ den Fuß in den Waggonbau Ammendorf zu setzen

– Mut, um in einer von männlichen Autoren dominierten Literaturlandschaft selbstbewusst den ersten eigenen Text zu behaupten: 1961 Moskauer Novelle und 1963 Der geteilte Himmel

– Es brauchte Mut, um als junge Frau 1965 öffentlich für ihre Idee von einem anderen Sozialismus einzustehen und den (wegen ihrer NS-Lagerhaft verehrten) älteren Genossen zu widersprechen

– Mut, um nach Prag 1968 nicht in der Enttäuschung über die gewaltsame Unterdrückung demokratischer Reformen zu verharren

– Mut, um 1976 öffentlich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns zu protestieren

– Mut, um sich öffentlich wie in dem Roman Kindheitsmuster der frühen Prägung durch eine verheerend wirksame nationalsozialistische Erziehung zu stellen – sich einzugestehen, wie nah man den Tätern gestanden hatte, nicht den Opfern

– Mut, um der wachsenden Feindseligkeit und Observierung durch die Staatssicherheit nicht zu erliegen, sondern die Erzählung Was bleibt abzutrotzen

– Mut, um den Ängsten vor einem atomaren Störfall 1987 statt mit Depression mit literarischer Produktivität zu begegnen.

– Mut, um den tradierten Mythen von Kassandra und Medea eine eigenständige Variante an die Seite zu stellen

– Mut, um sich durch die Zensur nicht vom Eigenen abbringen zu lassen

– Mut, um sich der verdrängten Tatsache zu stellen, dass es zwischen 1959 und 62 Gespräche mit der Staatssicherheit gegeben hatte und 1993 die eigene Akte öffentlich zu machen

– Mut, um sich danach von den Angriffen tonangebender Journalisten nicht lähmen zu lassen.

– Mut, um den zahlreichen mit Schmerzen verbundenen Krankheiten und Operationen der letzten Lebensjahre Texte abzutrotzen

Und nicht zuletzt brauchte sie Mut für jede neue Zeile, die sie schrieb. Denn jedes ihrer Bücher hatte sich zunächst einmal gegen die eigenen Zweifel durchzusetzen– das können wir in dem Tagebuch Ein Tag im Jahr nachlesen, aber auch in ihrem letzten großen Roman Stadt der Engel.

Im Februar 1985 (da war sie Mitte 50) antwortet sie auf die Frage „Warum schreiben Sie?“:

„Das geistige Abenteuer des Schreibens besteht für mich darin, jene Kräfte in mir wiederzufinden und womöglich zu entfesseln, die im Lauf meines Lebens unter diesen unseren historischen Umständen als unnütz, überflüssig, schädlich, unbrauchbar, unangemessen, belanglos, unvorteilhaft, unbefugt, abträglich, anarchisch, amoralisch, gewissenlos, strafbar, gesetzwidrig, ungeeignet, untauglich, unratsam, schändlich, ordnungswidrig, untüchtig, lächerlich, krankhaft, töricht, wertlos, willkürlich, verächtlich, albern, verrückt, unsittlich, verantwortungslos, verfehlt, ungehörig, ungebührlich, unanständig, zerstörerisch, egoistisch, unzulässig, undankbar, radikal aufsässig, unvernünftig, – kurz, als subjektivistisch verdächtigt, mit einem Verdikt belegt, zurückgedrängt, narkotisiert, gefesselt und lahmgelegt wurden.“ 1

Von dieser Courage, von diesem immer neuen Anlauf, von dieser nie nachlassenden Neugier, von diesem Mut zu sich selbst, Mut zu wissen und Mut Fragen zu stellen – können wir lernen. Lassen wir uns durch Widerstände nicht entmutigen.

1 Warum schreiben Sie? Februar 19985. Zitiert nach: Christa Wolf. Eine Biographie in Bildern und Texten. Hg. von Peter Böthig. München 2004, S. 158.